Freitag, 18. Dezember 2009

Die Selbstabdankung des Westens I: Das Ende der Arbeit

An die Stelle der durkheimschen sog. "mechanischen Solidarität" von Urgesellschaften als deren zusammenhaltendes und konstituierendes Element ist bei den modernen Gesellschaften seit der Industrialisierung die "organische Solidarität" getreten. Der mechanistische Zusammenhalt, z B durch das Anbeten irgendeiner "Gottheit" wird der Komplexität moderner Gesellschaften nicht gerecht. Seit der Industrialisierung und Säkularisierung im ausgehenden 18. Jahrhundert und bis zum heutigen Tag wird die Arbeit zum konstitutiven, gemeinsinn- und solidaritätsstiftenden Element. In den zunehmend "pluralistischen" und "vielkulturellen" Gesellschaften des vergangenen und dieses Jahrhunderts, beim Nachlassen aller sonstigen sozialen Bindugnskrräfte, wird die Arbeit nicht nur zur wesentlichen, sondern einzigen, ausschliesslichen sozialen Stabilitätsquelle. Der kollektive Arbeitsprozess verdrängt in die Latenz die permanent mitschwebenden ethnisch-kulturell-religiösen Unterschiede und gegenläufigen Partikularinteressen, und hält das zusammen, was sonst aufgrund eben derselben zentrifugelen Tendenzen im Chaos und einem kriegerischen Nebeneinander von Parallelgesellschaften ausarten muss. Geht der modernen Gesellschaft die Arbeit aus, bzw wird sie der Gesellschaft durch die selbstzertörerische Funktionslogik des kapitalistischen Wirtschaftssystems schrittweise entzogen, gleicht das dem Ende der Gravitationskraft. Der Arbeit fehlen in den modernen Gesellschaften funktionale Äquivalente - und die Gesellschaft fliegt auseinander.
Der europäische, vor allem deutsche Arbeitsmarkt ist ein Katastrophengebiet. Die allgegenwärtigen Euro-Jobs sind eine staatlich organisierte Erniederigung, eine institutionalisierte Ungerechtigkeit, ein Verbrechen gegen die Sittlichkeit. Schröder, der modelnde Kanzler, der selbstherrliche beschränkte Bauchpolitiker, hat einen Mächtigen des Kapitals, Peter Harz, mit der... Arbeitsmarktreform betraut. Einen tollwütigen Wolf hat er im Hühnerstahl Ordnung schafffen lassen. Anstelle der Arbeit hat er die "Arbeitsverwaltung" neu geschaffen. Die Arbeitsverwaltung kann aber an der Arbeitsvermittlung kein aufrichtiges Interesse haben, weil die Arbeitslosen, wie alle anderen Arten von Kunden, die Existenz dieser hoch parasitären, denn vom Leben anderer lebenden, und schädlichen Struktur erst ermöglichen und garantieren. Sollte des Problem beseitigt werden, sind auch die problembewältigenden Institutionen entbehrlich. Letzteren sind aber hartnäckig, da bürokraitsch, falsch und korrupt, sie benötigen das Problem, weil sie sich von ihm ernähren.
An die Stelle vollwertiger Beschäftigungsverhältnisse sind allerlei marginale und diffuse Kurz- und Teilarbeitsverhältnisse getretten. Der legalisierte Menschenhandel, die "Zeitarbeit", ist sittenwidrig und inhuman. Im Kapitalismus, dem inhumanen, antimenschlichen und amoralischen System, ist der Mensch eine Ware am Arbeitsmarkt. Doch auch mit einer Ware könnte man anständig umgehen, was jedoch die skrupellosen Humanmaterialspekulanten dieses abscheulichen Gewerbes nicht tun.
Politik in den westlichen, kapitalistischen Gesellschaften nur symbolisch, sie ist nicht mal ein Überbau, sie ist vielmehr selbst Teil der Basis, ein schwacher und lächerlicher. Wer unter dieser Wirtschaft die Regierung stellt, ist deshalb unerheblich. Die Regierung ist mit einer noch geringeren Sanktions- und Steuerungsgewalt ausgestattet, als ein Fussballschiedsrichter, sie kann keine roten Karten austeilen, nicht des Feldes verweisen, sondern nur ermahnen und rügen. Das im Eigensaft von Machterhalts- und verteilungskämpfen und Korruption gärende politische System sieht zu, wie die Wirtschaft ihr den Boden unter den Füssen wegzieht - und nach Fernost verlagert. Selbst wenn ein Schlosserlehrling eine Ausbildungsstelle bekommt, bleibt ihm nichts anderes übrig, als nach Ausbildungsende bei der lokalen "Arbeitsgemeinschaft" einen Termin zu vereinbaren, weil seine potentielle Werkzeugbank längst in China steht.
Während die Wirtschaft dem Individuum eine Selbstzurechnung seines Versagens insinuiert, verschleiert sie damit ihr eigenes, systemimmanentes Versagen, die Arbeit bereitzustellen. Deren Fehlen lässt nun, folgereichtig, all das wieder an die Oberfläche, dessen zerstörerische Energien durch den Arbeitsprozess absorbiert wurden. Die Anomie mit allen ihren Auswüchsen, wie Suizidität und Gewaltverbrechen, Ethnisierung und religiöse Umfärbung sozialer Verteilungskonflikte wird zum dominierenden sozialen Dauerzustand. Ähnlich dem, wie er in den europäischen Grosstädten gegenwärtig auch herrscht.
Folglich gibt es nur zwei mögliche Wege, eine zumindest künstliche soziale "Waffenruhe" wiederherzustellen. Entweder eine ethnisch-kulturell-religiöse Vereinheitlichung der Gesamtgesellschaft, die eine neue Art von mechanischer Solidarität aufkommen lassen würde, mit späterer gemeinschaftlicher Bewältigung auch wirtschaftlicher Verwerfungen. Oder eine "Rückkehr der Arbeit", was konkret erstmal die Rückgewinnung von Produktivkräften aus dem Ausland bedeuten würde, die die zentrifugalen Enerigien der vielfältigen "pluralistischen Gesellschaften" wieder in dei Tiefenstruktur treibt. Der erstere Lösungspfad wäre langfristig problemlösend und deshalb optimal, der zweite langfristig problemaufschiebend und deshalb suboptimal. Eine Kombination der beiden wäre dagegen ideal.
Da jedoch gegenwärtig weder der eine noch der andere Lösungsweg politisch anvisiert, ja gar nicht erst erkannt wird, sondern die europäischen Un-Gesellschaften jeweils ein zunehmend diffuses und explosives Nebeneinander von verarmten und entfremdeten, arbeits- und perspektivlosen ethnisch-kulturellen Milieus darstellen, wäre es keine Übertreibung, die Endstation ihrer Entwicklung als Katastrophe zu bezeichnen.

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