Freitag, 18. Dezember 2009

Eine Anmerkung zur "Schlussstrichdebatte"

Und da gibt es noch die Schlussstrichdebatte. Wo es sich die Schlussstrichdebattierer zu leicht machen, faengt bereits mit der Zeitrechnung an: 64 Jahre nach Auschwitz sollte man die Debatte auch mal endlich beenden koennen, fordern sie. Dabei hat die breit angelegte soziale Aufarbeitung des Verbrechens nicht 45, sondern erst Ende der 60er anfang der 70er Jahre angefangen. Das war vielleicht einer der wenigen Verdienste der "68er Kultur", die mit Ihrem "antiautoritaeren Diskurs" auch hier das Schweigen brach und die Auseinandersetzung erzwang. Dass diese exzessiv antiautoritaere Bewegung und Gesinnung fuer die Entwicklung Deutschlands sonst Fatale folgen hatte, die erst heute langsam und immer staerker spuerbar werden, steht auf einem anderen Blatt.
Man kann einen einzelnen politischen Mord Jahrzehnte verarbeiten, wer sich aber bereits nach weniger als 40 Jahren der Aufarbeitung eines permanenten 12 jaehrigen staatlichben Verbrechens ueberdruessig fuellt, legt nur seinen latenten Antisemitismus bloss. Das ist hier aber keine Apologetik der Ueberstrapazierung dieses Themas. Holocaust ist ein Ding an sich, um das herum sich die Anhaenger des "presentifying" wie "pastifying" tummeln und sich gegenseitig die Koepfe einschlagen in der Hoffnung, des Problems doch irgendwann mal Herr zu werden. Das Problem hat aber seine eingene Gesetzlichkeit, die allein der Zeit unterliegt.
Und so wird das Problem der "Vergangenheitsbewaeltigung" nicht aufgrund wiederholter Debatten um die Aufarbeitung an seiner emotionalen und politischen Geladenheit verlieren, sondern erst dann, wenn es sich in einer Reihe mit der Inkvisition der Hexenverbrenung und Ketzerverfolgung, jedoch als singulaeres Verbrechen wiederfindet. Nicht in diesem und unwahrscheinlich auch im nächsten Jahrhundert. ML

Kommentare:

  1. Wer genug von der Aufarbeitung hat, legt nicht seinen Antisemitismus bloß sondern nur seinen Willen, genauso unbelastet leben zu können wie die Menschen in den Nachbarländern Deutschlands.

    Ich persönlich habe nichts gegen eine weitere Aufarbeitung, solange sie noch neue und wichtige Erkenntnisse bringt, die dabei helfen, in der Zukunft Völkermorde zu verhindern. Wenn sie das nicht tut (genau das glaube ich, siehe Darfur), können wir die Aufarbeitung im Sinne einer medialen Dauerrepräsentation der NS-Zeit und der Zentrierung unserer politischen Kultur auf die NS-Zeit genauso gut bleiben lassen.

    AntwortenLöschen
  2. Die entscheidende Frage ist für mich, ob die Aufarbeitung der Verhinderung von Völkermorden in der Zukunft und/oder der Bekämpfung des Rassismus in der Gegenwart dient. Wenn sie das nicht tut, können wir es im Grunde auch bleiben lassen.

    AntwortenLöschen