Dienstag, 4. Mai 2010

Tel Aviver Bürgermeister fordert mehr Allgemeinbildung für Orthodoxe

Es sei vorausgeschickt: das ist nichts neues. Auf der Konferenz für Bildung und Erziehung verurteilte der Bürgermeister der Stadt Tel Aviv Ron Huldai das zweiteilige israelische Bildungssystem, in dem neben den allgemeinbildenden Schulen auch private und staatlich getragene Religionsschulen existieren. An staatlichen Schulen gehört der Tanach-Unterricht zum Pflichtkurrikulum, während in den Yeschivot die Differentialrechnung oder das politische System Israels ganz bestimmt nicht. Die Religiösen lehren, so Huldai, "was sie wollen", unter sträflicher Vernachlässigung moderner Disziplinen, was bei deren Absolventen ein "verzerrtes" Weltbild entstehen lässt. Der akute Mangel an elementarer Allgemeinbildung, bzw an dem, was die Grundgesellschaft für eine solche hält, macht jegliche Integration ins Arbeitsleben und andere Gesellschaftsbereiche unmöglich, selbst dann, wenn ein Wille dazu bestünde. Die weitere Ausbau des Systems der privaten und staatlichen Religionsschulen bei gleichbleibender Förderung oder gar auf Kosten der allgemeinbildenten Schulen führe schrittweise dazu, dass immer weniger "Leistende" immer mehr passive "Leistungsempfänger" zu versorgen hätten. Die Extrapolation bestehender demographischer Tendenzen führt, laut der von Jediot Ahoronot in Auftrag gegebenen Studie, zum Ergebnis, dass in 30 Jahren 78% der Schulanfänger aus dem arabischen und orthodox-religiösen Sektor stammen werden, während beide Sektoren in grossen Teilen vom Produktionsprozess ausgeschlossen sind, teils freiwillig, teils systemisch bedingt. Sein Vortrag stiess im religiösen Sektor auf scharfe Kritik, die regierende Schas warf Huldai Rassismus bzw den Hass auf Religiöse, der auf tendentiösen "Studien" engagierter Forscher beruhe.
Der Streit ist nichts anderes, als eine weitere Manifestation der tiefen Kluft zwischen den beiden Segmenten der israelischen Gesellschaft. Dabei verbieten wir uns, pauschal die eine oder andere Seite zu verurteilen, denn: wenn man den religiösen Bildungssektor "erwürgt", wird man ein Bildungssystem bekommen, wie in Europa - die gotlose, relativistische Wissensvermittlung ohne ideologischen Kern, ohne Werte- und Normenvermittlung - dessen Endprodukt die vor unseren Augen verschwindenden, agonisierenden westlichen Gesellschaften sind. Israel hat demgegenüber insofern einen Vorteil, als es inmitten der in grossen Teilen ebenso individualistischen und wertefreien Gesellschaft einen Anker gibt, der die Bindung des Volkes Israel zum Land Israel vermittels des Tora-Studiums repräsentiert und garantiert. Andererseits ist es in der heutigen Zeit tatsächlich nicht hinnehmbar, dass durch das Bildungssystem ganzen Generationen die Möglicheit des Zugangs zum Produktionsprozess verwehrt wird. Als Mittelweg wäre angebracht, anstelle repressiver Vorgehensweisen, die bei Huldai anklingen, staatlich in die "religiösen" Lehrpläne einzugreifen und die Yeschivot [Religionsschulen] zu einer viel umfangreicheren Wissensvermittlung in modernen Disziplinen zu verpflichten, als es heute der Fall ist.

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