Freitag, 17. September 2010

Gmar hatima towa lekulam!

Jom Kippur - gemäss der Tora der Tag der Vergebung des Volkes Israel durch Den Allmächtigen, der höchste jüdische Feiertag, im deutschen Sprachraum ziemlich treffend als Versöhnungstag Des Allmächtigen mit Israel bezeichnet - ist der letzte der zehn nach Rosch Ha'Schana folgenden "Tage der Ehrfurcht". Im Grunde gibt es zwischen Rosch ha'Schana und Jom Kippur "in der Sache" keinen Unterschied, beide sind Gerichtstage, der Unterschied liegt auf der emotionalen Ebene.

Am Rosch ha'Schana [Kopf des Jahres] findet ein sehr  nüchternes, trockenes Gericht statt, in dem die Taten jedes Einzelnen im vergangenen Jahr mit dem Ideal verglichen werden und nach Massgabe dieses Vergleichs das Urteil fuer das naechste Jahr gefaellt wird. Jeder Jude bittet Den Allmächtigen einzig und allein um die Gewaehrung des Lebens fuer ein weiteres Jahr um die Möglichkeit zu haben, die begangenen Fehler und Sünden nicht zu wiederholen, die immateriellen und materiellen Schulden vor Gott und dem Nächsten zu begleichen und dem Ideal möglichst nah zu kommen. Einen Suendenerlass im Sinne der voelligen Ausloeschung der Suenden kennt das Judentum nicht, es gibt keine Verjährung, sondern nur die Gewährung einer weiteren Gnaden- bzw. Bewährungsfrist. Wird am Rosch Ha'schana gebeten, findet am Jom Kippur, an dem das Urteil endgültig besiegelt wird, der letzte affektive Aufschrei nach Vergebung, Nachsicht und Gnade statt.
Entgegen der weitläufigen Vorstellung ist Jom Kippur kein Trauertag - wie etwa 9. be Av, an dem der Zerstörungen der Tempel gedacht wird - auch wenn man durchaus traurig sein kann, wenn man auf das vergangene Jahr und seine Taten darin zurückblickt. In dem man fastet - 25 Stunden zwischen den Sonnenuntergängen nichts isst und trinkt - zeigt man vor allem sich selbst, dass der in der Jagd nach materiellen sinnleeren Gütern gefangene Mensch sogar, wenn auch kurzfristig, auf das Allernötigste zum Leben verzichten kann und gewinnt zumindest an diesem einen Tag die absolute Distanz zum Materiellen.
Zwischen 70 und 80% der Juden Israels fasten an diesem Tag, die Mehrheit der säkulären Juden steht in der Synagoge Seite an Seite mit den religiösen. Sämtliche staatliche Einrichtungen, ausser dem medizinischen Rettungsdienst und dem Grenzschutz, sämtliche Geschäfte und Gewerben, sowie alle Fernseh- und Rundfunksender unterbrechen ihre Arbeit, Verkehrsstrassen werden zu Fussgängerzonen.
Eine gute Inschrift in das Buch des Lebens für alle - Gmar hatima towa lekulam!

Keine Kommentare:

Kommentar veröffentlichen