Montag, 29. November 2010

Der 11.September der US-Aussenpolitik: Hillarys Wiki-Gate

Die einzige wirkliche Sensation der WikiLeaks besteht darin, dass sie nichts wirklich sensationelles enthalten. Das freilich unter dem Vorbehalt, dass erst nur Bruchteile davon bekannt geworden sind. Alles was bislang an "Enthuellungen" ans Tageslicht gekommen ist, sind entweder Gemeinplaetze oder schmutzige Einzelheiten wie das Facelifting der Ehefrau des aserbaidschanischen Praesidenten Alijew, oder die wenig originellen Nicknamen, mit denen die US-Diplomaten die auslaendischen Politiker belegen. Es mag unterhaltsam sein, doch vom Hocker reisst das niemanden. Dass die Saudis, wie auch Israel, die USA zum Militaerschlag gegen den Iran draengen, oder dass Erdogan ein von neoosmanischen Ambitionen und seinem Aussenminister getriebener politischer Analphabet ist - der "Sensationswert" dieser dimplomatischen "Kabel" ist bescheiden.
Die WikiLeaks sind aber schon der 11. September der amerikanischen Aussenpolitik - ein grosses punktuelles Desaster.  Nixons Watergate ist ein Witz dagegen. Trotz Schadensbegrenzungsversuchen und der Beteuerung von business as usual von allen Seiten ist der Schaden erheblich, langfristig und in seinen Folgen schwer kalkullierbar. Die 250.000 werden dosiert offengelegt. Ein Skandal ist nicht so sehr der Inhalt der Depeschen - die Arbeit und die Aufgaben der US-Diplomaten sind nicht grundverschieden von der Arbeit aller anderen Botschaften und Diplomaten, Teil ihrer Aufgaben ist es, persoenliche Profile und Charakteristiken der oertlichen Politiker zu erstellen. Nur sind die Depeschen der deutschen oder israelischen oder welcher Botschaften auch immer nicht ans Tageslicht gekommen - und des US-State Department schon. Fuer einen gewissen Zeitraum duerften die gewoehnlichen Kommunikationswege des amerikanischen diplomatischen Netzwerks gelaehmt, zumindest erheblich gestoert sein, bis sich das clintonsche State Department etwas anderes in Sachen Datensicherheit einfallen laesst oder mit der Bespitzelung von allen und jedem aufhoert, was aber weniger wahrscheinlich ist. 
Wer im US-Aussenministerium hat die Informationen in die Medien heruntergespült? Oder wurden dessen Rechner und Netzwerke von Aussen geknackt? Mit welchem Ziel? Die Enthuellungen sind ja nicht selektiv, sondern umfassend, ein ungerichtetes Streufeuer gegen alle. Doch ohne Zweifel tragen die USA den groessten Schaden davon - der Vertrauensverlust ist  immens. Der jetzigen US-Aussenministerin duerfte es seit gestern nicht mehr so leicht fallen, in der Welt herumzureisen und denjenigen Haende zu schuetteln, von denen sie weiss, dass es Idioten oder Perverslinge sind, und die auch wissen, dass sie das weiss.
Die aussenpolitische Agitiertheit der USA, auch hier in Nahost, dürften die Leaks nun etwas abkuehlen, und das ist gut für Israel und den Nahen Osten. Der Datenklau könnte die USA vom Rest der Welt und die Welt von den USA weiter entfremden.  Der neue Isolationismus der USA hätte mehr Vor- als Nachteile, für die Welt wie die USA, doch danach sieht es gegenwärtig leider nicht aus. Wird Clinton zuruecktreten bzw. geschmissen? Wir werden sehen.

Keine Kommentare:

Kommentar veröffentlichen