Sonntag, 7. November 2010

Lieberman, wie er in der Systemschau nie zu sehen ist

Der 53-jährige Salame Abu Ghanem ist ein negever Beduine aus dem Stamm abu Amar. Geboren unweit der Stadt Dimona siedelte er mit seiner Familie in den 90ern in die Beduinenstadt Rahat um. In den 70ern absolvierte er seinen Militärdienst in der Zahal, zunächst in einer Kameleneinheit der Beduinen, dann als Spurenleser. Er verliess die Armee im Rang eines Kapitäns 1991. Seine Kameraden nennen ihn "Rambo".  Bis heute besucht er das jährliche Reservistentraining [Miluim], seine Söhne dienen in der Zahal, seine Tochter ist das erste beduiner Mädchen, das sich in die Zahal einberufen liess. Abu Ghanem hat zwei Frauen, eine Norm bei den Beduinen. Eine von ihnen lebt bis heute mit den Kindern in Rahat. Abu Ghanem versorgt sie, lebt aber selbst mit seiner zweiten Frau Lilia und zwei Söhnen in Aschkelon. Nach dem Armeedienst gründete Abu Ghanem eine gemeinnützige Organisation zur Bewahrung der Erinnerung an die gefallenen negever Beduinen in den Reihen der Zahal. Als einer der ersten war er 1999 der Partei Israel Beitenu [Unser Haus Israel] beigetreten, man könnte fast sagen, ein Gründungsmitglied. 2001 hatte der Parteivorsitzende und damals Infrastrukturminister Avigdor Lieberman Abu Ghanem zu seinem Berater für Angelegenheiten der Beduinen gemacht. Die Tageszeitung "Yediot Ahronot" veröffentlichte in ihrer Freitagsausgabe nun ein Interview mit ihm. 
Der Interviewer Nahum Barnea, ein ganz üblicher, linksinfizierter israelischer Journalist, versucht dort auf verschiedene Art und Weise, seinem Gesprächspartner zumindest ein Paar Sätze über die so beliebte "Diskriminierung der Araber", über den "Rassismus Liebermans" und dessen "Transferpläne" zu entlocken - vergebens, die Antworten, die er bekommt, produzieren im Kopf des Journalisten nur lauter kognitive Dissonanzen. "Ich mag diesen Menschen sehr", sagt der Beduine über Lieberman, "Ich halte ihn für einen sehr ordentlichen Menschen. Er sagt den Menschen die Wahrheit, er heuchelt nicht. Wenn er Regierungschef wird, wird der Staat in einer viel besseren Verfassung sein, als jetzt. [...] So wie er dargestellt wird, entspricht nicht der Realität. Als Lieberman Infrastrukturminister war, hatte er niemanden diskriminiert. Im beduinischen Dorf Beit-Sarsir im Norden des Landes gab es seit der Staatsgründung keine Elektrizität. Wer schloss es an das Stromnetz an? Lieberman. [...] Ich mag seine Ehrlichkeit und seine Geradlinigkeit. Er hat ein Herz eines sechsjährigen Jungen. Er ist kein Ungeheuer. Er ist ein scharmanter Mensch. Sollte er mich in der Zukunft um Hilfe bitten, werde ich ihm in allem helfen. In erster Linie, weil er mein Freund ist, und ich lasse Freunde nicht im Stich, auch wenn wir seit zwei Jahren nicht mehr gesprochen haben." Nachdem Barnea aufgegeben hatte, etwas über den so gewöhnlichen "Rassisten Lieberman" zu hören, fragte er, ob es noch Beduinen gebe, die für Israel Beitenu stimmen würden, oder Abu Ghanem der einzige sei. "Für Lieberman stimmten Beduinen, Christen, Araber. Nicht wegen der Partei, sondern wegen seiner Persönlichkeit. Dieser Mensch erzählt keine Märchen. Er spricht die Wahrheit ins Gesicht." Barnea gab nicht nach und provozierte weiter: Lieberman spreche doch über die israelischen Araber als Feinde. "Das ist unwahr - erwiderte Abu Ganem - Er sagt, dass jeder Mensch, der in diesem Land leben will, diesem Land gegenüber loyal sein muss. Das ist eine legitime Forderung. Er sagt ja nicht: 'ändere deinen Glaben'." Auf die Frage zum "Transfer" israelischer Araber sagt Abu Ghanem, es sei durchwegs ein Missverständnis: Lieberman spricht nicht vom Transfer, einer Übersiedlung der Araber Israels in den etwaigen künftigen PA-Staat, sondern vom Bevölkerungs- und Gebietstausch zwischen Israel und der PA, in dessen Rahmen jüdische Städte in Yescha Israel angegliedert und die arabischen Städte Nordisraels [wie Umm el Fahm] an die PA abgetreten werden sollen. 
Zum Schluss sprach Abu Ghanem das Problem der Versorgung der Beduine mit Grundstücken an, das seit 30 Jahren ungelöst sei und den illegalen Bau fördere. "Der Staat hat hier einen Fehler gemacht. Friedensgespräche sollte man als erstes nicht mit denjenigen führen, die weit entfern leben. Man muss Frieden mit denjenigen schliessen, die nebenan leben. Frieden muss man zuerst mit den Bürgern Israels schliessen." [Foto: Wahlkampfplakat der Israel Beitenu "Ohne Loyalität keine Staatsbürgerschaft"]

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