Donnerstag, 2. Dezember 2010

WikiLeaks: die neuen Protokolle der Weisen von Zion

Abdullah Guel
Es hat - fuer unsere Begriffe sogar viel zu lange - gedauert, bis man Israel fuer die WikiLeaks fuer verantwortlich erklaert hat, das musste einfach kommen. Zu diesem Schluss kommen naemlich tuerkische Offizielle bei ihrer Analyse der bekannt gewordenen Leaks. Die Begruendung: diese nuetzten Israel am meisten und schaden der Tuerkei am staerksten. Assange und Bradley Manning werden bald auch Juden oder Mossad-Agenten oder beides sein, und in den US-Botschaften auf der ganzen Welt sitzen zionistische Verschwoerer.
Die tuerkische Zeitung Hurriyet zitiert den stellv. Parteivorsitzenden der regierenden AKP Hüseyin Çelik mit den Worten: "Man muss sich nur ansehen, wer am meisten mit den Enthuellungen zufrieden ist. Die Antwort - Israel. Die Israelis haben noch vor der Veroeffentlichung mitgeteilt, dass sie dadurch keinen Schaden nehmen werden. Woher konnten sie das wissen?" Der tuerkische Praesident Guel erklaerte am Dienstag, er habe das Gefuehl, dass fuer die Veroeffentlichung extra "diejenigen Depeschen ausgewaehlt wurden, die der Tuerkei am meisten schaden koennen". Yasin Doğan von der regierungstreuen Zeitung Yeni Şafak war etwas kreativer, er sieht die pro-israelische Lobby in den USA dahinter. Wie man weiss, kommen die mit Abstand meisten Depeschen aus der US-Botschaft in Ankara - knapp 8000, und auch in der Einschaetzung, dass dort ein ziemlich haessliches Bild der tuerkischen Regierung offenbart wird, liegen die Zitierten wohl richtig. Wie auch damit, dass Israel darueber nicht traurig sein kann. Eine gewisse Logik kann man diesen Ausfuehrungen also nicht absprechen, doch das war's dann auch. 

Erst wenige hundert der insg. ueber 251.000 Leaks wurden bislang veroeffentlicht, und Israel hat sich nicht vor sondern nach der Veroeffentlichung dazu geaeussert. 250.000 Depeschen muessen erst mal verdaut werden. Und was hat Israel damit zu tun, dass die US-Spione in Ankara am meisten zu berichten hatten? Und die Zuversicht auf israelischer Seite, dass die Leaks keine unangenehmen Ueberraschungen fuer Israel mit sich bringen koennen, ist unbegruendet. Bereits jetzt wurde etwa bekannt, dass Netanjahu kurz nach dem Wahlsieg und noch vor der Koalitionsbildung im Gespraech mit US-Vertretern seine Bereitschaft zum Rueckzug aus [Teilen von] Juda-Samaria geaeussert hat - ein Wahlbetrug, Betrug der Parteibasis und "ideologischer Bankrott des Likud" [MK Ben Ari]. Dies zwang die PM-Kanzlei kurz danach zur Pressemitteilung, dass "ein territorialer Kompromiss schon immer die offizielle Linie des Premierministers war, die er immer offen vertreten" habe. Offen vertreten hat er das nie, sonst waere er heute nicht Premierminister. Wer luegt ist ein Luegner. Dass die Friedenstauben Peres [Oslo als Fehler]  und Barak tatsaechlich die Aussichten fuer den Frieden genauso skeptisch sehen, wie "die Rechten", entlarvt sie zwar als politisch zurechnungsfaehig - aber als Heuchler und Hochstapler.
Die Vertreter der Tuerkei zeigen durch ihre Aeusserungen, dass gerade sie, und nicht Israel, am besten mit dem Inhalt der Enthuellungen vertraut sind, sonst wuerden sie nicht a priori behaupten, dass diese der Tuerkei am meisten schaden. Wer weiss, dass er keinen Dreck am Stecken hat, wuerde sich so nicht aeussern. Besonders aergerlich fuer Ankara - die Tuerkei steht in Nahost als einzige Fuersprecherin fuer das iranische Regime da, waehrend die arabischen Autokratien des Nahen Ostens einen Krieg gegen die Perser wollen und vorbereiten. Die perfide Logik der tuerkischen Regierung: am schlechten Bild der Turkei ist nicht ihre Politik, sondern die Enthuellungen ueber ihre Politik schuld, die keine sind.

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